Gerade eben habe ich die grandiose Doku-Serie The Staircase auf Netflix beendet. Wenn ihr Making a Murderer geliebt habt, dann wird euch dieser 13-Teiler sicher auch in seinen Bann ziehen. Michael Peterson findet im Jahr 2004 seine Frau Kathleen tot am Ende einer Treppe in ihrem Haus. Schnell erhärtet sich der Verdacht es handle sich nicht um einen Unfall, sondern um Mord. Michael Peterson beteuert seine Unschuld. Die Dokumentation begleitet Michael Peterson bei den Vorbereitungen seiner Verteidigung, bei seiner Gerichtsverhandlung und darüber hinaus über einen Zeitraum von vielen Jahren.

Das Ende von The Staircase lässt mich mit vielen Fragen zurück. Achtung SPOILER! Aber ich versuche mich zurückzuhalten 😉. Meine Gedanken drehen sich weniger um das, was wirklich in jener Nacht mit Kathleen Peterson passiert ist, als um das was darauf folgte.

Wie gut kennen wir einen uns nahestehenden Menschen wirklich?

Michael Peterson beteuert die ganze Zeit über seine Unschuld. Seine leiblichen Söhne, seine zwei Adoptivtöchter und seine Exfrau glauben ihm von Anfang an. Sind immer an seiner Seite und unterstützen ihn. Die Schwestern von Kathleen und ihre leibliche Tochter halten ihn jedoch für schuldig und setzen in weiterer Folge alles daran ihn verurteilt zu sehen. Da kommt in mir die Frage auf, wieviel Vertrauen wir in einen Menschen, den wir lieben, setzen können. Würde ich mich auch von scheinbar stichhaltigen Beweisen, die von namhaften Experten präsentiert werden, nicht in meinem Vertrauen erschüttern lassen? Würde ich das, was ich bisher bei einer Person wahrgenommen habe – all die positiven Erfahrungen, die ich mit ihr gemacht habe – über alles andere stellen? Würde ich meiner eigenen Einschätzung und Wahrnehmung mehr vertrauen als Beweisen? Und wieviel Vertrauen sollte man eigentlich haben? Kann man überhaupt zurück? Kann man – in einem solchen Extremfall – überhaupt seine Meinung ändern? Sich vom Gegenteil überzeugen lassen? Oder würde einen das letztendlich komplett in den eigenen Grundfesten erschüttern? Und können wir uns jemals wirklich sicher sein eine andere Person zu kennen oder einschätzen zu können? Wo wir doch wissen, dass jeder Mensch Geheimnisse und dunkle Seiten hat, die er niemanden zeigt. Dass wir selbst Gedanken und Gefühle haben, die so beängstigend, verstörend, peinlich oder schmerzvoll sind, dass wir sie mit niemandem teilen können. Dass es vielleicht Extrem-Situationen gibt, denen man noch nie zuvor ausgesetzt war und somit gar nicht vorhersehen kann wie man selbst – oder gar ein anderer – darauf reagieren könnte. Stärkt uns bedingungsloses Vertrauen oder schützt es uns nur vor unangenehmen Erkenntnissen?

Wie sehr lassen wir uns von unseren Vorurteilen lenken?

Im Laufe der Gerichtsverhandlung rückt auch die Art und Qualität der ehelichen Beziehung in den Fokus. Sexuelle Vorlieben und außereheliche Aktivitäten werden diskutiert und als mögliche Mord-Motive gedeutet. Von der Anklage werden schnell Binsen-Weisheiten wie „Das kann keine gute Beziehung gewesen sein, weil…“ in den Raum gestellt. Und auch ich selbst beobachte mich dabei wie ich in die Bewertungsfalle tappe. Was wir nicht verstehen verurteilen wir schnell. Aber wie können wir uns überhaupt anmaßen zu entscheiden was eine gute Beziehung ist und was nicht? Wie können wir über zwei Menschen, die uns völlig fremd sind, ein Urteil fällen? Und selbst wenn die Beziehung der beiden nicht ganz so harmonisch verlaufen ist, wie die Verteidigung es darstellt, macht das einen Mann gleich zum Mörder? Wieviel Disharmonie ist noch legitim und ab wann würde man einem Partner auch einen Mord zutrauen? Oder weniger extrem formuliert: wenn wir Dinge über jemanden erfahren, die wir nicht gutheißen oder nachvollziehen können – trauen wir dieser Person dann automatisch (noch) schlimmeres zu? Ist unser Blick dann schon so getrübt, dass wir keinen neutralen Standpunkt mehr einnehmen können bzw. gar nicht mehr wahrnehmen können, wenn Aspekte auftauchen, die der Person zu Gute kämen?

Was bedeutet Freiheit?

Lebenslange Haft wird oft als zu milde Strafe für schwere Gewaltverbrechen angesehen. Einige fordern immer noch vehement die Todesstrafe in solchen Fällen. Ich nicht – just saying :)! Ich bin der Meinung, dass der Verlust der Freiheit so ziemlich das Schlimmste ist, was einem Menschen angetan werden kann. Das was uns zu erwachsenen und mündigen Menschen gemacht hat – unsere Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung wird uns im Gefängnis geraubt. Wir haben keine Privatsphäre mehr, keine Entscheidungsgewalt über unser Leben oder auch nur kleine Alltäglichkeiten. Unsere Wahrnehmung ist plötzlich total eingeschränkt, der Radius verengt sich auf ein Minimum. Wir sind abgeschirmt von unseren Liebsten, herausgerissen aus unserem Leben. Die Welt dreht sich draußen weiter während wir drinnen festsitzen und uns nicht weiterbewegen können. Schrecklich, wenn man sich versucht in diese Situation hineinzuversetzen! Und nun stelle man sich mal vor, man wäre auch noch unschuldig. Man hätte nicht nur den Menschen verloren, den man am meisten liebt, sondern würde auch noch beschuldigt werden dafür verantwortlich zu sein. Was würde mich in einer solchen Situation überhaupt noch am Leben erhalten? Wäre es das unerschütterliche Vertrauen meiner Familie? Die Hoffnung auf eine Rehabilitierung? Was, wenn es diese Hoffnung nicht mehr gibt weil alle Instanzen ausgeschöpft sind? Michael Peterson sagt an einer Stelle in etwa: „Es ist egal ob sie mich ins Gefängnis stecken, ob sie mich für schuldig erklären, denn ICH weiß wer ich bin. Und ich kann mit mir und meinen Entscheidungen leben.“ Ist es das was uns Kraft gibt? Dass wir mit uns selbst im Reinen sind? Dass wir vielleicht zwar einzelne Entscheidungen bereuen, aber in Summe zufrieden sind mit dem was wir aus unserem Leben gemacht haben? Kann uns diese Einsicht frei machen selbst wenn wir es nicht sind?

Fazit

Ich bin immer noch nicht sicher, wem ich in dieser ganzen Geschichte Glauben schenken soll. Es widerstrebt mir anzunehmen, dass das Rechtsystem – und somit Menschen, die ihm dienen – so korrumpiert sein soll, dass ein Unschuldiger wissentlich jahrelang weggesperrt wird. Gleichzeitig würde es mich aber auch erschüttern anzunehmen, dass ein Mann der sichtlich so viel Schmerz und Trauer über den Verlust seiner Frau empfindet dennoch ihr Mörder sein kann. Die Wahrheit wird wohl immer ein Geheimnis bleiben – und in diesem Fall lässt das meinen neugierigen Geist nicht erbost aufbrausen. Denn viel spannender als die Ereignisse jener Nacht, die wildfremden Menschen auf einem anderen Kontinent widerfahren sind, sind doch eigentlich die Gefühle und Fragen, die heute im Hier und Jetzt auf meiner Couch in Wien in meinem Kopf entstanden sind und die mich sicher noch einige Zeit begleiten werden!

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