Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Pflegeheim bin ich laufend konfrontiert mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Früher hat schon allein die theoretische Beschäftigung mit dem Thema Unbehagen und Angst bei mir ausgelöst, aber je mehr ich mich mit Fachliteratur, aber vor allem auch betroffenen Menschen auseinander gesetzt habe, umso mehr habe ich gemerkt, dass diese Krankheit für die Betroffenen selber kaum Leid verursacht (es sei denn das Umfeld reagiert nicht empathisch auf ihre Bedürfnisse) und für Angehörige und (Pflege)Fachkräfte eine unheimliche Chance bietet eine wertschätzende Beziehung aufzubauen – und das braucht meist gar nicht viel Aufwand!

Validation – Toolkit für die Arbeit mit Menschen mit Demenz

Eine gute Guideline für die Arbeit mit Menschen mit Demenz bietet die von Naomi Feil entwickelte Methode Validation. Am Wochenende habe ich eine Weiterbildung dazu absolviert. Das hat mich so inspiriert, dass ich gern einige der wesentliche Erkenntnisse aus dem Seminar und aus meiner Arbeit mit meinen alten Damen mit dir teilen möchte. Validation kann jeder anwenden: Fachkräfte, Pflegepersonal oder Angehörige. Es geht weniger um einen Werkzeugkasten als um eine grundlegend Haltung, die man den Betroffenen gegenüber einnimmt. Ein paar der Grundpfeiler der Validation möchte ich im Folgenden mit dir teilen.

Jeder Mensch hat Respekt und Würde verdient

Ein Mensch definiert sich nicht darüber, was er kann, geleistet hat, verbal ausdrücken oder erinnern kann. Menschen mit Demenz sind je nach Schweregrad und Ausprägung der Krankheit mehr oder weniger eingeschränkt. Sie können desorientiert sein, können Schwierigkeiten haben sich verbal auszudrücken und verlieren zuerst nach und nach ihr Kurz- und später oft sogar ihr Langzeitgedächtnis. Das alles sind Symptome, die uns vielleicht dazu verleiten sie wie Kleinkinder zu behandeln oder so als würden sie überhaupt nichts mehr von der Realität mitbekommen. Aber unterschätze niemals die Fähigkeiten des menschlichen Geistes! So verwirrt die hochbetagten Menschen auch wirken mögen, auf irgendeiner tief verborgenen Bewusstseinsebene spüren(!) sie ob sie respektvoll behandelt werden und ob ihre Bedürfnisse Ernst genommen werden. Sie können es nicht mehr verbal ausdrücken, aber wir können an ihrem Verhalten ablesen, ob sie sich wohl fühlen oder nicht. Wie sehr sie auch beeinträchtigt sein mögen, aber es handelt sich immer noch um Menschen, die rund 80 Jahre ihres Lebens selbstständig gelebt haben, ihre eigenen Entscheidungen getroffen haben, eine Geschichte haben – und sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Hilfe bedeutet aber nicht bedingungsloses Bevormunden, Einschränken der Entscheidungsfähigkeit oder Ignorieren.

Versuche zu verstehen, was in den Betroffenen vorgeht

Von außen betrachtet wirkt das Verhalten von Demenzkranken oft nicht nachvollziehbar, seltsam, aggressiv und ungerecht. Das man Dinge vergisst, kann man noch am ehesten verstehen – nicht selten passiert es einem ja selbst, dass man auf der Suche nach dem Handy oder dem Schlüssel verzweifelt. Hast du in einer solchen Situation vielleicht auch schon mal den Gedanken gehabt: „Wer hat mir das nur schon wieder verräumt?“ Ich gebe zu, ich suche den Schuldigen gern mal im Außen 😉. Menschen mit beginnender Demenz merken unbewusst, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Stell‘ dir nur vor, wie schrecklich es sein muss, plötzlich irgendwo in der Stadt zu stehen und nicht mehr zu wissen, wie man überhaupt dahin gekommen ist. Oder wenn einem ständig jemand anderer darauf hinweist, dass man etwas vergessen hat was einem erst vor Kurzem gesagt wurde und man aber ganz sicher ist noch nie davon gehört zu haben. Das alles nehmen die Betroffenen wahr, wollen es aber nicht wahr haben. Ist ja keine schöne Aussicht sich selbst eingestehen zu müssen, dass man nicht mehr so „funktioniert“ wie bisher. Kein Wunder, dass sie versuchen die Defizite vor sich und anderen zu kompensieren oder zu verschleiern. Es ist einfach viel zu schmerzhaft, sich den Verlust der eigenen Fähigkeiten, der eigenen Unabhängigkeit einzugestehen. Und wenn es sich nicht mehr ignorieren lässt, entsteht oft eine große Wut. Eigentlich sind die Betroffenen wütend auf sich selbst, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden. Aber der Schutzmechanismus ihres Geistes lässt das nicht zu – die Wut richtet sich stattdessen nach außen. Und ab bekommen es leider jene Personen, die am nächsten dran sind: Verwandte oder Pflegepersonal. Nicht selten kommt es vor, dass die eigenen Kinder oder Partner wüst beschimpft werden, beschuldigt werden den/die Betroffene bestohlen zu haben und auch Aggression oder körperliche Gewalt können Thema werden. So schwer es auch sein mag, hier gilt es sich gut abzugrenzen und größtmögliches Verständnis aufzubringen. Es schmerzt natürlich unglaublich von einem nahestehenden Menschen plötzlich so gemein und ungerecht behandelt zu werden! Aber es ist keine Entscheidung, welche die Demenzkranken noch bewusst treffen können. Es ist ein Abwehrmechanismus, der ihnen dabei hilft mit dieser beängstigenden neuen Realität, in der sie sich befinden, umgehen zu können. Dies zu verstehen, ist ein erster Schritt in der Kommunikation mit Menschen mit Demenz.

Beharre nicht auf der Wahrheit

Philosophisch betrachtet gibt es die eine allgemein gültige Wahrheit ohnehin nicht – das gilt für den Umgang mit Demenzkranken umso mehr. Je mehr wir demonstrieren, wie sehr und wie oft sie im Unrecht sind, umso mehr werden sie das Gefühl haben nicht ernst genommen zu werden. Stell‘ dir nur mal vor wie es wäre, wenn jede deiner Aussagen verneint wird. Dir alles, was du den ganzen Tag über machen willst verboten wird. Wir Menschen haben nur einen einzigen Referenzpunkt für die Realität – unsere eigene Wahrnehmung. Wenn ich heute auf dem Balkon sitzend die Sonne genieße und über den schönen Frühlingstag schwärme und neben mir jemand sagt „Aber Elisabeth, es ist doch gerade Winter und Weihnachten steht vor der Tür.“ Wem würde ich wohl glauben? Ich kann doch die warmen Sonnenstrahlen spüren, die Vögel zwitschern hören und den Duft der Grillparty von nebenan riechen. Was wird wohl passieren, wenn ich solche Situationen immer wieder erlebe? Ich persönlich würde sicher wütend werden auf die anderen, die die ganze Zeit solchen Unsinn reden und mich für dumm halten. Und irgendwann würde ich mich wahrscheinlich zurückziehen (in meine Welt), die Kommunikation einstellen, den Lebenswillen verlieren, vielleicht nur mehr vor mir hinvegetieren.

Wie können wir  – die ja in der “echten” Realität leben – also anders reagieren auf Menschen mit Demenz? Begib‘ dich in die Gefühlswelt der Betroffenen und zeige echtes Interesse. Wenn der Betroffene mitten im Winter über den schönen Sommertag schwärmt stelle viele W-Fragen: Was/wo/mit wem/wann/ hast du im Sommer gemacht? Was war das beste oder mühsamste am Sommer? Das Langzeitgedächtnis bleibt am längsten erhalten und wird mit solchen Fragen angeregt. Oft werden dann frühe Erinnerungen wieder abgerufen. Das wichtigste dabei ist aber, der Demenzkranke fühlt sich angenommen und verstanden! Da ist jemand, der ihn ernst nimmt und interessiert ist an ihm! Und das ist das allerwichtigste! Die (tatsächlichen) Fakten sind dann völlig nebensächlich. Es geht darum eine Beziehung zueinander aufzubauen und das funktioniert nur über die Gefühlswelt!

Kleiner Hinweis: es geht nicht darum, die Betroffenen zu belügen. Erfinde keine Geschichten und erzähle keine Unwahrheiten. Antworte auf die Frage, wann der lang verstorbene Partner denn zum Essen heimkommt nicht „Der kommt bald.“ sondern frage stattdessen nach, was er denn immer besonders gern gegessen hat oder was der Betroffene denn besonders am Partner geschätzt hat. Menschen mit Demenz haben feine Antennen und können auf einer Bewusstseinsebene zwar daran glauben, dass der Partner bald nach Hause kommt, aber auf der anderen – unbewussten – ganz genau wissen, dass er schon vor langer Zeit gestorben ist. Und auf dieser Ebene merken sie dann auch, dass sie belogen und damit nicht für voll genommen werden.

Kommuniziere nonverbal wenn es keine Worte mehr gibt

In fortgeschrittenen Phase der Demenz verlieren die Betroffenen meist ihre verbalen Fähigkeiten. Einzelne Worte fallen ihnen nicht mehr ein, Wortteile werden zu einem unverständlichen Kauderwelsch kombiniert, eine verbale Kommunikation wird zunehmend schwierig. Geduld ist hier gefragt. Reduziere dein Tempo  und warte entspannt bis das gesuchte Wort über die Lippen kommt. Du kannst auch gerne das passende Wort vorschlagen, wenn du weißt was der Betroffene ausdrücken möchte. Wenn das alles nicht mehr möglich ist bzw. ergänzend dazu bekommt Körpersprache einen großen Stellenwert. Versuche dich auf dein Gegenüber einzuschwingen und es zu spiegeln. Nachäffen ist damit keinesfalls gemeint, sondern eigentlich das bewusst und gezielt einsetzen, was wir in einem guten und vertrauensvollen Gespräch automatisch machen: in einen ähnlichen Atemrhythmus verfallen, eine ähnliche Sitzposition einnehmen, Bewegungen einander angleichen. Das erfordert natürlich eine sehr feine Wahrnehmung des Gegenübers und ist zugegebener Weise etwas, was auch Übung erfordert. Es ist mir dennoch wichtig, dir einen ersten Denkanstoß in diese Richtung zu geben. Wir fühlen uns oft so machtlos, wenn uns plötzlich die Worte fehlen. Wir wissen dann nicht mehr wie wir uns verhalten sollen, dabei ist es so einfach auch ohne Worte für jemanden da zu sein und ihn spüren zu lassen, dass er verstanden und wertgeschätzt wird!

Zusätzlich zu körperlicher Nähe kannst du auch Musik einsetzen. Lieder, die der Betroffene in seiner Kindheit und Jugend gern gehört hat, können Wunder wirken. Menschen, die ansonsten zu keinerlei verbaler Kommunikation in der Lage sind, fangen plötzlich zu singen an!

Willst du mehr?

Ich merke, dieser Blogartikel wird schon sehr lange, dabei wäre ich noch lang nicht am Ende meiner Liste an Tipps und Gedanken! Interessiert euch zu dem Thema vielleicht eine Artikel-Reihe? Wollt ihr noch mehr dazu von mir lesen? Wollt ihr auch Geschichten aus meiner Arbeit mit Betroffenen lesen? Ich freu‘ mich über euer Feedback!

Als weiterführende Literatur kann ich euch alle Bücher von der Erfinderin der Validation Naomi Feil sehr ans Herz legen!

6 Comments

  1. Franziska Bergmann

    30. Juli 2019 at 17:14

    Unsere Tochter fängt ein Praktikum in einer Klinik an. Unter Anderem wird sie mit Menschen mit Demenz in Kontakt sein. Danke für den Tipp, nicht auf Wahrheiten zu beharren, damit die Menschen nicht zu oft das Gefühl haben, dass sie nicht ernst genommen werden.

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    • Elisabeth

      1. August 2019 at 10:32

      Liebe Franziska!

      Danke für dein Feedback :)! Wünsche deiner Tochter einen guten Start ins Praktikum! Eine herausfordernde Aufgabe, die sie aber bestimmt bereichern wird!

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  2. Toni Krause

    2. Juli 2019 at 17:41

    Mein Großvater leidet mittlerweile vermehrt an Demenz. Danke für den Tipp, dass wir Rücksicht auf ihn nehmen sollen und nicht zwingend auf die Wahrheit beharren sollten. Außerdem möchten wir, dass er in eine Pflegeeinrichtung für Demenz zieht. So kann man sich bestmöglich auch tagsüber um ihn kümmern.

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    • Elisabeth

      2. Juli 2019 at 21:59

      Lieber Toni!

      Wenn nahe Angehörige betroffen sind, ist das immer emotional belastend! Damit klar zu kommen, dass man scheinbar nicht mehr denselben Menschen vor sich hat, den man von früher kennt, ist eine große Herausforderung. Ich wünsche euch auf eurem Weg viel Kraft! Dass ihr in Erwägung zieht, ein Pflegeheim für euren Großvater zu suchen ist bestimmt eine gute Entscheidung. Es ist wahrscheinlich kein leichter Schritt, aber es kann für alle Beteiligten eine große Erleichterung sein, wenn man Hilfe von Professionisten in Anspruch nimmt. Und dein Großvater wird sicher auch spüren, wenn die Familie entlastet ist und er trotzdem liebevolle und wertschätzende Behandlung erfährt.

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  3. finn

    24. Mai 2019 at 21:33

    Tja, die Krankheit macht uns im Alter echt nachdenklich. Nonverbale Kommunikation scheint wirklich in solchen Situationen ganz zur rechten Zeit. Lebenswichtig ist, nicht alleine geblieben zu werden und die würdige Hilfe zu bekommen. So hat mein Freund gehandelt, weil er selbst das seinem Opa nicht leisten kann.

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    • Elisabeth

      26. Mai 2019 at 12:03

      Lieber Finn!

      Da kann ich dir nur voll und ganz zustimmen! Das Gefühl, dass sich ein anderer Mensch um uns sorgt, in unserer Nähe ist und uns Aufmerksamkeit, Freundlichkeit oder Liebe schenkt, das verlieren wir auch in der Demenz nicht!

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